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Zeitreise: Die Kraft (s)eines Lebens

Johannes Heesters war singender Ehrengast beim Salonorchester Weimar

„Nichts lässt einen so schnell altern wie das Nichtstun. Das Leben will gelebt werden.“

Zwei Sätze wie Donnerhall. Schlagzeilentauglich. Gesprochen von jemandem, dem attestiert sein soll, er wisse, was er da sprach. Über 100 Jahre Leben – im Weimarer Kunst- und Kulturzentrum „mon ami“ gastierte der niederländische Entertainer Johan Marius Nicolaas Heesters.

Johannes Heesters also, von Freunden, Fans und Bewunderern „Jopie“ geheißen. Seit 1936 erfolgreich auf deutschem Staatsgebiet – und das bis in unsere Tage. Dieser Tage nun also in Weimar, eingeladen als Ehrengast in die neue Show des Salonorchesters Weimar, das dem verehrten Meister eine musikalische Hommage widmete. Um es kurz zu machen: Jener Meister kam, Freunde Fans und Bewunderer erschienen, der Abend geriet zur emotionalen Zeitgeistreise. Unmerklich. Leise. Sanft und sacht. „Alles, was lange währt, ist leise“, wie wir bei Morgenstern lesen.
Doch wie nun darüber schreiben? Wie denn, was denn? Und warum?
Wie lässt sich ein Text beginnen, der zwar anfangs als Rezension konzipiert war, aber unmöglich als ebensolche enden dürfte? Was hier so kryptisch umschrieben wird, sprengt die übliche Wahrnehmungsbereitschaft des routinierten Kritikasters, des berufsmäßigen Nöl-Arsches und lässt ihn verwirrt zurück. Nein, Johannes Heesters steht außerhalb jeder noch so fach- und sachkundigen Beurteilung. Auch jenseits charakterlicher Wertung, was sein Betragen während finsterer Zeiten angehen mag. Noch in den 1960ern im heimatlichen Amsterdam von der Bühne hinweggescholten, standen und stehen im west- und gesamtdeutschen Nachbarlande für Jopie Heesters sowohl Bühneneingänge als auch Ohren sperrangelweit offen. Warum sollte im Juni 2008 das gebildete Weimar da eine Ausnahme bilden?
Viel, viel Wärme also dem weißhäuptigen und wohl letzten Grandseigneur kultiviert-antiquierter Operettenherrlichkeit – das Weimarer Publikum war berührt, vielleicht sogar gerührt, auf jeden Fall aber liebevoll und sehr, sehr liebesfähig im Umgang mit der überaus lebendigen Legende, die da mit Stentorstimme den mit Menschen überfüllten Saal auf ihre Art zu füllen vermag. Und umgekehrt  viel, sehr viel selbstironische Annehmlichkeit von Heesters’ Seiten. Viele, sehr viele ansprechende Seiten seines unbestritten wie ehedem vorhandenen Könnens wurden hör- und sichtbar. Ja - sichtbar, sicher auch das! Denn obwohl der fast 105-Jährige selbst kaum noch zu sehen vermag, schimmert doch in seinem optischen Auftritt viel von dem, was wir Jüngeren gemeinhin als Alterswürde zu erkennen wünschen. Auch die „Schönheit des Alters“ – um mal den Titel des gleichnamigen Fotobildbandes ins Feld
zu führen, mit dem Jopies Gattin Simone Rethel-Heesters derzeit deutschlandweit ihr Publikum findet. Fotografien, die den hochverehrten, vielgeehrten Menschen und Entertainer zeigen, der übrigens als Mime seit 1997 auch im Guinness-Buch der Weltrekorde geführt wird. Als weltweit ältester noch aktiver darstellender Künstler, um mal ganz genau zu sein. Nein, es darf, es kann hier nicht ins Detail gegangen werden – weder, was die hin- und wegreißende Vorstellung im sommerlich glühenden „mon ami“ angeht noch die ungezählten Ehrungen, die zahllosen Anekdoten, die in einem derart langen Auftrittsleben nun mal „anfallen“, wenn so ein salopper Ausdruck hier mal erlaubt ist.  Ja genau, Leute - nur nicht kitschig werden, bloß nicht sentimental näseln; Jopie Hees-ters, der so unbemüht über sich selbst lächeln kann, sei ferne von jedweder Lächerlichkeit, die zwangsläufig droht, wenn die Heldenverehrung gar zu innig geraten will. Den „Kammersänger“ immerhin hat er wohl gern noch angenommen, angetragen wurde ihm dieser Ehrentitel vor vier Jahren bei den Elbfestspielen in Wittenberge. Mit solchem Gepränge behaftet dann endlich, endlich, endlich im Februar dieses Jahres 2008 die künstlerische Rückkehr in die schwierige niederländische Heimat. Auftritt in der Stadt seiner Kindertage, in Amersfoort, bejubelt diesmal nach über 40 Jahren Sehnen, vielleicht gar nach vier Jahrzehnten Sehnsucht? Sei es ,wie es sei - Jubel nun also auch in  Weimar, nachdem Heesters stehend und standhaft die großen Lieder seiner großen Zeit vorgetragen hatte. „Ich brauche keine Millionen“ klingt immer noch so überzeugend wie die Feststellung, dass „der Polin Reiz“ nun mal „unerreicht“ bleibt. Vom Grafen Danilo und seinem feierabendlichen Gang ins „Maxim“ sei hier nur der Ordnung halber die Rede.
Wirklich schön, wirklich anrührend kann es hingegen werden, wenn Johannes Heesters in einem nur ihm eignenden Lied durch seine Erinnerungen schwebt. Dann sieht er sich wieder als Kind, hat den „ersten Applaus ...noch in den Ohren“. Atempause. „Die Jahre flogen dahin“ – 104 an der Zahl. „Erinnerung heißt die Kraft meines Lebens“, wir dürfen es ihm abnehmen. Auch das letzte Wort dieses Textes, der so gar nicht zur Rezension taugen konnte, sollte, durfte – es sei abermals Johannes Hees-ters abgelauscht, wenn er singt: „Ich hab’ mein Leben gelebt und mich stets bemüht, den Weg gerade zu geh’n...“ – Nun, das Leben wolle gelebt werden, hieß es eingangs. Große Worte. Sein Leben sei ein Kampf, konstatierte weiland der streitbare Voltaire. Sicher doch, ein starker Satz. Wir aber erfreuen uns abschließend lieber an Jopies Alterswitz und heit’rer Laune, an Lebenslust und Lust am Leben. Jaja, Johannes der kann es! Immer noch und immer wieder! Nein, böse Menschen haben einfach keine guten Lieder!     John Taue

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